Bezahlbarer Wohnraum in der Stadt Zürich wird zum Grossteil von Genossenschaften zur Verfügung gestellt. Das ist ein Problem. Eine sozialverträgliche Stadtentwicklung sollte eine politische Aufgabe sein – und nicht privaten Wohngenossenschaften überlassen werden.

Von Laura Cassani in der WOZ Nr. 37/2017 vom 14.09.2017

Sie scheinen das Allheilmittel in der Zürcher Wohnpolitik zu sein: genossenschaftliche Wohnprojekte. Sie sollen die Stadt vor der totalen Gentrifizierung schützen und ihre BewohnerInnen vor dem Verdrängtwerden. Immobilien sind in unsicheren wirtschaftlichen Zeiten als Geldanlage beliebt. Weil sie im Gegensatz zu Bankkonten und Aktien sichere und satte Gewinne abwerfen sollen. Damit in den zentralen Stadtquartieren nicht nur noch Menschen leben, die sich eine Dreizimmerwohnung für 3000 Franken leisten können, braucht es gemeinnützige Genossenschaften – so der Tenor. Die Zürcher Stimmbevölkerung hat vor sechs Jahren das Ziel, den Anteil an gemeinnützigen Wohnungen bis 2050 von einem Viertel auf ein Drittel zu erhöhen, klar gutgeheissen. Es werden wohl die Genossenschaften sein, die einen wesentlichen Teil dazu beitragen: Fast drei Viertel der gemeinnützigen Wohnungen in Zürich sind heute in ihrem Besitz – der Rest gehört der Stadt und städtischen Stiftungen.

Die Zürcher Genossenschaften haben diese wohnpolitische Verantwortung angenommen. «Hier entsteht ein neues Stück Stadt!», lautete die Ansage der Genossenschaft Kalkbreite, als sie vor drei Jahren im ehemaligen Arbeiterquartier Aussersihl ihren ersten Wohn- und Gewerbebau eröffnete. Ein orange-gelber Koloss zwischen viel befahrenen Verkehrsachsen und Bahngleisen. Hier versuchen die rund 250 BewohnerInnen, ökologische und soziale Nachhaltigkeit konkret zu leben. Sie verzichten auf eigene Autos. Sie wollen pro Kopf möglichst wenig Platz verbrauchen. Sie experimentieren mit neuen gemeinschaftlichen Wohnformen. Als Treffpunkt dienen der grüne Innenhof, eine Waschküche mit Sicht auf die Stadt, das Nähatelier oder eine Sauna auf dem Dach. Im Bioladen wird Regionales und Saisonales verkauft, im hauseigenen Kino laufen Arthouse-Filme. Und im Geburtshaus helfen Hebammen neuen StadtbewohnerInnen auf die Welt.

Das genossenschaftliche Leuchtturmprojekt löste heftige Reaktionen aus. Von links, vor allem aus Akademiker- und Architektinnenkreisen, ertönten Lobeshymnen: Endlich würden mutige Lösungen erprobt für die zahlreichen Herausforderungen der Zukunft in der Stadtentwicklung. In der rechtsbürgerlichen Ecke probte man den rhetorischen Aufstand: Die Kalkbreite sei ein «grünes Ghetto» (NZZ), hier hänge der kulturaffine Mittelstand seinen «tendenziell infantilen Träumen vom kreativen Arbeiten nach» («NZZ am Sonntag»). Gegen die Wohnungsnot in Zürich könne so sicher nichts ausgerichtet werden.

Ob hochgelobt oder verhasst: Erwartungen und Ansprüche an genossenschaftliche Wohnprojekte haben alle – nicht nur, aber besonders an neue und innovative wie den Neubau an der Kalkbreite. Genossenschaften müssen dafür sorgen, dass ihre Wohnungen gut ausgelastet sind, das ist Konsens. Und es soll nur in einer Genossenschaftswohnung wohnen, wer sich keine teurere Wohnung auf dem freien Markt leisten kann. Nur diejenigen also, die es wirklich nötig haben. Selbstverständlich wird davon ausgegangen, dass die Genossenschaften anbieten, was auf dem freien Wohnungsmarkt in den zentralen Zürcher Quartieren kaum mehr zu finden ist: Wohnungen für Menschen mit kleinem Portemonnaie.

Die grosse wohnungspolitische Verantwortung, die die Genossenschaften aufgebürdet bekommen, ist problematisch, und zwar weil die Aufgabe, zahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen, dadurch zumindest teilweise privatisiert wird.

Genossenschaften sind private Institutionen. Sie verschreiben sich der gemeinsamen Selbsthilfe unter den GenossenschafterInnen; davon abgesehen können sie ihre Ziele selbst bestimmen. Eine gewisse wohnpolitische Verpflichtung entsteht einzig daraus, dass die Stadt in den allermeisten Fällen Bauland günstig zur Verfügung stellt.

Vor allem neuere Genossenschaften wie die Kalkbreite orientieren sich stark an gemeinsamen Werten. An Gemeinschaftlichkeit und Nachhaltigkeit zum Beispiel. Das ist wichtig, um alternative Lebensentwürfe ausprobieren zu können. Es ist unverzichtbar, um städtische Avantgarde sein zu können, eine Avantgarde, die neue Lösungen für urbane Probleme austestet. Durch die geteilten Werte definiert sich eine Genossenschaft aber nicht nur selbst, sie grenzt sich auch von anderen Gruppen ab. Damit sich StadtbewohnerInnen in eine Genossenschaft einbringen können, brauchen sie die passenden Ressourcen und Fähigkeiten: genügend Zeit, die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu, Sprachkenntnisse oder soziale Kompetenzen zum Beispiel. Nicht alle Menschen verfügen darüber in gleichem Mass. Dass eine Genossenschaft offen für alle sein kann, ist deshalb eine Illusion. Anders sieht dies im kommunalen Wohnungsbau aus: Wer in städtischen Wohnungen wohnen soll, wird in einem politischen Prozess gestaltet und demokratisch kontrolliert.

Die grosse Verantwortung der Genossenschaften in Zürich ist auch ein Problem, weil dadurch kaum mehr über die Verantwortung der profitorientierten ImmobilienbesitzerInnen gesprochen wird. Während Wohnungen als Goldesel dienen, fragt kaum jemand nach der ethischen Verpflichtung auf dem freien Markt. Gleichzeitig werden aber die gemeinnützigen Genossenschaften lautstark in die moralische Pflicht genommen.

Wenn sich die wohnungspolitische Diskussion vor allem um Wohnexperimente und MieterInnenmix in genossenschaftlichen Wohnprojekten dreht, droht die grundsätzliche Frage vergessen zu gehen: Wieso wird Wohnraum überhaupt als Ware gehandelt? Weshalb wird der Preis einer Wohnung von Angebot und Nachfrage bestimmt, als sei Wohnen kein Grundbedürfnis, sondern ein Nice-to-have – wie etwa, sagen wir, ein Ferienflug?

Verteilungs- und Machtfragen müssen wieder in den Fokus rücken: Lebensraum für alle, auch für die sozial und ökonomisch Schwächsten, zur Verfügung zu stellen, ist eine politische Aufgabe. Sie sollte nicht vor allem vom Goodwill privater Wohngenossenschaften abhängen.

–> Quelle: Laura Cassani in der WOZ Nr. 37/2017 vom 14.09.2017